Überproduktion

Verschwendung ohne Ende

09/2011

Traurig aber wahr: Ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittel landet nicht auf unseren Tellern, sondern im Müll. Warum das so ist und was wir anders machen können, beleuchtet die Dokumentation „Taste the Waste”.

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Foto: iStockphoto

Zu krumme Gurken, überschüssige Brotwaren oder Abgelaufenes aus dem heimischen Kühlschrank: In Deutschland landen jährlich geschätzt Lebensmittel im Wert von 20 Milliarden Euro im Abfall. Das entspricht dem Jahresumsatz von Aldi in Deutschland! Im Rest Europas ist es nicht besser. EU-weit verrotten 90 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel jährlich, ohne jemals genossen worden zu sein.

Horrende Zahlen – und das Schlimmste: Ein Großteil dieses Missstandes geht auf die Kappe von uns Endverbrauchern. Eine von der EU finanzierte Untersuchung fand heraus, dass 42 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel auf das Konto der privaten Haushalte gehen und nur 5 Prozent auf das Konto der Einzelhändler. 39 Prozent der Lebensmittel kommen allerdings gar nicht so weit: Sie werden schon bei den Herstellern aussortiert. Und das, obwohl die Studie Abfälle aus Landwirtschaft und Fischerei nicht berücksichtigt, was den Prozentsatz wohl ordentlich in die Höhe treiben würde.

Zumindest lässt die Dokumentation „Taste the Waste”, die seit 8. September in den deutschen Kinos läuft, das annehmen. Regisseur Valentin Thurn bringt dort das Beispiel eines deutschen Kartoffelbauern, der fast 50 Prozent seiner gesamten Ernte gleich auf dem Feld liegen lässt, weil die Kartoffeln zu klein, zu groß oder zu unförmig sind.

Und warum? Wir würden sie wohl nicht kaufen. Oder zumindest nicht so gerne. Der Handel geht dieses Risiko nicht ein und kauft sie dem Bauer gar nicht erst ab – schließlich geht es da um Gewinnoptimierung. Ähnlich läuft das mit abgepackten Waren, Gemüse, Obst und Joghurt: Viele Supermärkte wollen ihren Kunden bis zu Ladenschluss das volle Sortiment an frischer Ware bieten – und was dann nicht verkauft wurde, landet eben im Abfall. Genauso bei Backwaren: Auch abends um 18 Uhr wollen wir noch zwischen allen Sorten von Brot und Brötchen auswählen können. Was dann passiert – ihr könnt es euch denken.
In „Taste the Waste” kommt auch Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft in Wien zu Wort, die ermittelte, dass im Schnitt 10 Prozent der Tagesproduktion von Bäckereien weggeworfen werden. Außerdem hat sie den Haushaltsmüll der Österreicher untersucht und festgestellt, dass sechs bis zwölf Prozent davon aus Original verpackten oder nur teilweise verbrauchten Lebensmitteln bestehen.

Jeder zweite Kopfsalat weltweit wird aussortiert, jedes fünfte Brot wird ungekauft entsorgt.*

Die Sache mit den krummen Gurken ist wiederum eine ganz andere Geschichte, die nichts mit überzogenen Ästhetikansprüchen oder Sortiment zu tun hat: Gerade gewachsene Gemüse lassen sich schlicht besser in Kisten stapeln und verpacken. Zudem gibt es auch EU-Gesetze, die Normen für Größe und Form von Lebensmitteln festlegen.

Das Traurigste daran: Übrig gebliebene, noch frische Nahrungsmittel können natürlich nicht frei verschenkt werden. Die Supermärkte würden sich den Markt kaputt machen. Die Lebensmitteln können nur in eingeschränktem Rahmen an Tafeln gehen, wo Leute, die nachweislich bedürftig sind, sie erhalten. Aber wer sich ungefragt am Abfall von Supermarktcontainern bedient, macht sich strafbar – was eine ganze Bewegung von Menschen, die sich gegen die Wegwerfgesellschaft auflehnen, nicht daran hindert, dies regelmäßig zu tun.

Was kaum jemand weiß: Sie füllen damit nicht nur ihren Kühlschrank, sondern tun der ganzen Gesellschaft einen kleinen Gefallen in Sachen Klimaschutz. Denn wie Thurn in seiner Doku aufklärt: 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasbelastung durch Methan kommt von verrottenden Lebensmitteln.

Die Reduzierung des Lebensmittelmülls um die Hälfte würde ebenso viele Klimagase vermeiden wie die Stilllegung jedes zweiten Autos.*

Und das ist nicht die einzige globale Auswirkung der Lebensmittelverschwendung: Dadurch steigen auch die Preise für Grundnahrungsmittel wie Mais, Weizen und Reis, was wiederum ein Faktor für Hungerkrisen in den Entwicklungsländern ist.

Es ist also höchste Zeit, umzudenken. Und wir können erstmal nur bei uns anfangen. Nur wir können Druck auf Supermärkte machen, anders mit ihrer Ware umzugehen. Nur wir können achtsamer und weniger einkaufen. Außerdem müssen wir wieder lernen, Reste zu verwerten. Das Bundesverbraucherministerium hat eine Checkkarte für Privathaushalte zusammengestellt, wie man die Lebensmittelverschwendung eindämmen kann.

Die wichtigsten Tipps in Kürze:

  1. Geplant einkaufen
  2. Nicht gleich wegwerfen, wenn das Haltbarkeitsdatum erreicht ist, erst prüfen
  3. Passende Mengen kaufen
  4. Vorräte richtig lagern
  5. Reste weiterverwenden

 

Zudem will das Ministerium bis Ende des Jahres eine nationale Wegwerfstudie veröffentlichen, die erstmals umfassende Ergebnisse über die Art und Menge der weggeworfenen Lebensmittel in Deutschland liefern soll.

Man darf gespannt sein. Bis dahin: „Taste the Waste” anschauen – und die Mülltonne frei von frischen Lebensmitteln halten!

*Zitate aus „Taste the Waste“



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